DIE SCHATZ-JUNGFRAU VON WASSERAUEN

 

In der Untern Au, kurz hinter Schwende, fliesst kräftig wie ein Bach eine Quelle aus dem Felsen, Tschuder genannt.

 

Wussten Sie, dass Menschen, die an Fronfasten geboren sind, mehr sehen können als Andere? Hans-Ulrich, der ein Fronfasten-Kind war, wollte einst an Karfreitag mit seinen zwei Knechten in der Alp Äueli zum Rechten sehen. Als sie beim Tschuder vorbei kamen, sah Hans-Ulrich auf dem Felsen daneben eine blendend schöne Jungfrau auf einem Sennenkessel sitzen, der prall gefüllt war mit Goldmünzen. «Habt ihr auch gesehen, was dort auf dem Felsen sitzt?» fragte er seine Knechte. Nichts als dürre Stauden, meinten die, und gingen weiter. «Ich komm dann später nach und sehe mich hier um!» rief Hans-Ulrich den Beiden nach. Dann ging er zum Felsen hin und grüsste die Jungfrau freundlich. Sie war aus der Nähe noch viel hübscher anzusehen, mit langen Haaren, die glänzten wie das Gold in ihrem Kessel, und sie tat ganz anmutig, so dass Hans-Ulrich sie mit rotem Kopf fragte, ob sie seine Frau werden möchte. Sie war einverstanden und meinte, dann solle er sie am Samstag nach Ostern da beim Tschuder abholen kommen. Sollte es dann aber ein Unwetter geben, dürfe er ja nicht rückwärts schauen, gleich was hinter ihm alles passieren würde. Würde er aber doch zurückschauen, dann könnte er sie nicht erlösen, und sie müsste weitere hundert Jahre lang herumgeistern. Und er solle unbedingt einen Kapuzinerpater mitnehmen zum Benedizieren, der dann von ihrem Gold ebenfalls einen Teil erhalte.

 

Hans-Ulrich konnte den Tag kaum erwarten. Er musste immerfort nur an die schöne Jungfrau denken, und an den Kessel voll Gold. Er beschloss dann, er hätte eigentlich gern alles Gold für sich allein, und nahm am bestimmten Tag keinen Kapuziner mit sich.

 

Schon hinter der Felsenburg begann es zu gewittern, mit Blitz und Hagel und Donner, aber er lief fest entschlossen weiter. Je näher er aber zum Tschuder kam, umso furchtbarer toste es hinter ihm. Als direkt hinter seinem Rücken Blitze krachten, erschrak er und schaute rückwärts. Da sauste gleich ein Felsbrocken vom Hang herab und erschlug ihn auf der Stelle. Man hörte die Jungfrau noch manche Jahre am Karfreitag dort beim Tschuder weinen.