DER TORFSTECHER-HANNES

 

Vor etwa 300 Jahren soll am Hügelzug über dem Gontenmoor der Blatters Hannes gelebt haben, Kleinbauer und Torfstecher, einziger Nachkomme seiner früh verstorbenen Eltern. Er war mit einer besonderen Gabe gesegnet und konnte «gegen Hitz ond Brand». Das heisst, er konnte mit Gebeten, die ihn seine Mutter vor ihrem Tode gelehrt hatte, Fieber und Schwellungen heilen, Warzen vertreiben und gar Blutungen stillen. Als Einzelgänger lebte er, gemieden von den Mitmenschen. Von ihm erzählt man sich folgendes.

 

Als Hannes einst bei sonnigem Herbstwetter am Torfstechen war, näherte sich auf dem Strässchen von Hinterkau herab sein Nachbar Franzsepp. Er führte seinen «Choli» am Halfter, der einen Leiterwagen hinter sich herzog, auf dem vergnügt die drei kleinen Kinder von Franzsepp sassen. Das gefiel Hannes überhaupt nicht, als er bemerkte, wie sein Nachbar auf dem abschüssigen Weg grosse Mühe hatte, sein Pferd zurückzuhalten. Schneller wurde das Fuhrwerk und immer schneller, bis Franzsepp das Halfter loslassen musste und dem Fuhrwerk mit den schreienden Kindern verzweifelt hinterher rannte.

 

Gleich eilte Hannes dem durchgebrannten Gaul entgegen, musste aber zusehen, wie das Gespann die nächste Kurve verfehlte und, sich überschlagend, krachend im Moorboden landete. Die jüngeren beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, rappelten sich weinend, aber unverletzt hoch, der ältere Knabe aber lag mit offener Kopfwunde am Boden.

 

Nachbar Franzsepp hatte inzwischen die Unfallstelle erreicht, erfasste die Lage und schickte sich an, seinen verletzten Sohn aufzuheben. Da war auch schon Hannes zur Stelle und stellte sich gebieterisch dazwischen. «Der muss doch sofort zum Arzt!» warf Franzsepp ein. «Abwarten, ich helfe ihm.» beschied Hannes, hielt seine Hände flach über den Kopf des Verletzten und murmelte ein längeres Gebet. Und auf wundersame Weise stoppte die Blutung aus dem Hinterkopf, der Knabe öffnete verwirrt die Augen und erkundigte sich, was denn passiert sei. Die jüngeren Geschwister standen samt ihrem Vater staunend ringsum. Hannes brachte auch das Pferd wieder auf die Beine, richtete zusammen mit FranzSepp den Wagen auf, fasste seinen Torfspaten und richtete damit die Vorderachse gerade, spannte das Pferd neu ein und führte das Fuhrwerk auf das Strässchen zurück. «Deine Kinder setzen wir auf den Wagen und bringen sie zurück zu deiner Frau. Die soll den Verletzten verbinden.» wies Hannes seinen Nachbarn an.

 

Franzsepps ganze Familie dankte dem Torfstecher-Hannes seine wundersame Hilfe mit einer innigen, zuverlässigen und anhaltenden Freundschaft.